Mittwoch, 22. April 2026

Stefan Theierl

Gesundheits- und Krankenpfleger, Heilpraktiker und erfahrener Dozent für Aromapflege und Palliative Care

Seit über 20 Jahren begleitet er schwerkranke und sterbende Menschen in Klinik, SAPV und Hospiz. Er entwickelte Ausbildungskonzepte in der Aromapflege, leitete Expertenkreise und unterrichtet seit 2006 an verschiedenen Bildungseinrichtungen. Seine Arbeit verbindet fundierte Pflegepraxis mit Aromatherapie, komplementären Verfahren und Spiritual Care.

Warum ich wurde, was ich bin

Meine Mutter war Krankenschwester – und ich habe schon als Kind den besonderen Duft eines Krankenhauses geliebt. Für viele Menschen ist er fremd oder unangenehm, für mich war er vertraut, fast wie ein Versprechen. Schon früh wusste ich: Das ist meine Welt.

Ebenso früh habe ich eine zweite Leidenschaft entdeckt: das Erzählen. Mit etwa 20 Jahren begann ich als Geschichtenerzähler zu arbeiten – und erkannte, dass Erzählen weit mehr ist als Worte. Es ist Beziehung. Es ist Begegnung. Es ist eine Form von Liebe.

Heute verbinde ich beides: die Pflege und das Lehren. Für mich bedeutet Unterrichten nicht, Wissen weiterzugeben, sondern Menschen zu berühren, zu begleiten und Räume zu öffnen, in denen Lernen lebendig wird.

Wie ich wurde, was ich bin

Ich bin ein Kind vom Land – und vielleicht gerade deshalb war mein Weg immer von einer großen inneren Neugier geprägt. Ich habe einen großen Teil meiner Zeit und meines Geldes in Ausbildungen investiert, weil ich gar nicht anders konnte, als dem zu folgen, was mich wirklich interessiert und berührt.

Das große Glück meines Lebens war dabei, dass ich das Gelernte immer unmittelbar am Menschen anwenden durfte. So wurde aus Theorie gelebte Erfahrung – und aus Erfahrung wieder neues Lernen.

Ich glaube an eine Form von Wissen, die sich bewährt:
Theorie, die in der Praxis trägt.
Und Praxis, die der beste Lehrmeister ist.

Meine erste Begegnung mit Sterben und Tod

Meine erste bewusste Begegnung mit dem Sterben hatte ich als Pflegepraktikant auf einer kardiologischen Station. Über Wochen hinweg betreute ich einen alten Mann – keine komplexe Pflege, eher einfache geriatrische Begleitung. Genau das Richtige für meinen damaligen Stand.

Ich wusste, dass er nicht mehr reanimiert werden sollte.

Eines Tages saß ich bei ihm, als sich etwas veränderte. Sein Blick, seine Atmung – ich konnte es nicht erklären, aber ich spürte: Jetzt geschieht etwas Entscheidendes. Ich rief eine Kollegin. Kurz darauf kamen weitere Pflegekräfte und zwei Ärzte ins Zimmer. Für sie war es eine vertraute Situation. Für mich stand die Zeit still.

Er hatte bereits Schnappatmung.

Und inmitten all dieser Menschen traf mich etwas tief: das Gefühl seines Alleinseins. Ich trat nach vorne, setzte mich zu ihm und nahm seine Hand. Mehr konnte ich nicht tun – aber ich konnte ihn nicht allein lassen.

So starb er unter meinen Händen.

Diese Erfahrung hat mich tief geprägt. Noch Monate danach hatte ich das Gefühl, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten – als würde ich sie von außen sehen. Viele Dinge verloren an Bedeutung, Sorgen wurden klein. Gleichzeitig wurde mir die Kostbarkeit der Zeit, die wir haben, zum ersten Mal wirklich bewusst.

Ich erinnere mich noch an einen Gedanken, der damals in mir aufstieg:
Vergiss dieses Gefühl nie.

Und vielleicht ist genau das bis heute ein Teil meiner Arbeit geblieben.